Editorial

Wir ersticken im Dreck. Nicht nur sprichwörtlich, sondern buchstäblich. Nutzlose Informationen verstopfen die Kanäle, kein Spamfilter kann das verhindern. Fukushima ist verstrahlt, vier Jahre ist dieser Unfall her, Geschichte wird gemacht, es geht voran. Der Kapitalismus hat die Rede vom Anthropozän ermöglicht. Keine Säuberungsaktion der Welt wird diese Geschichte vergessen machen, diese Schicht löschen können. Die erhöhte Feinstaubbelastung Asiens manipuliert das Wetter der ganzen Welt, kleinste Partikel lösen sich aus dem schwimmenden Plastikpangäa der Meere. Der Schmutz, den wir machen, stört und er hat immer schon gestört. Kulturelle Ereignisse mögen das überstrahlen, ändern werden sie es nicht. Denn: Kunst macht nicht nur viel Arbeit, sie macht auch jede Menge Dreck. Angefangen beim Müll, den Kunstinstitutionen jeden Tag generieren, über Bühnenbilder, die zwar brandsicher, aber jenseits von ökologischen Standards hergestellt werden, über ausbeuterische Verhältnisse von Kuratorinnen zu Künstlern, bis hin zu ausführlicher Reisetätigkeit von Kulturproduzenten, deren Flugreisen nicht weniger Emissionen verursachen als die von anderen Managerinnen.

Die Politik der guten Absicht schreibt auch Kunst in die der Mechanik abgeschauten Logik von Zweck und Mittel ein. Eine Übertragung aus der Beobachtung von Natur auf das Feld der Kultur, auch wenn diese Unterscheidung an sich schon problematisch ist. Natur hat kein System, das der menschlichen Logik gehorcht, auch wenn die Ökologie das nahezulegen scheint.

Staub gehorcht nicht der Schwerkraft und Dreck akkumuliert auf überraschende Weise, jeder gut gemeinten Wertstoffumdeutung zum trotz. Die Anthropologin Mary Douglas sprach von Dreck als Materie am falschen Ort. Reinheitsvorschriften unterschiedlicher Religionen verdeutlichen diesen Bewertungsvorgang, der ein Ordnungssystem etabliert, das auch moralisch wirksam ist. Julia Kristeva erweiterte diesen Gedanken um das Abjekte, das Verworfene, den Rest. Unauflösbar bestimmt er das, was ist und bleibt dennoch ausgeschlossen. Diese Beschreibungen lösten indes den Dualismus nicht auf und blieben der Vorstellung passiver Materie treu. Der Anspruch von DRECK: EIN APPARAT ist es, weder Spiegel von Gesellschaft zu sein, noch Abbildungen von Realität zu schaffen. Naturalisierungen auch in Form des künstlerischen Realismus und Naturalismus setzen wir die Performativität von Materie entgegen. Nach dem Vorbild von A. N. Whitehead, der Materie als Prozess verstand oder Bruno Latour, dessen Akteur-Netzwerk Theorie auch Dinge als Aktanten beschrieb, sowie neuer materialistischer Theorie sind wir auf der Suche nach einem materialistischen Theater. Unruhestifter wirbeln Staub auf oder wühlen im Dreck, der als Erde Schätze oder als Geschichte verborgene Pointen bergen mag. Im Dreck wimmelt es von Mikroorganismen, die sogar Depressionen heilen sollen. Dreck ist der perfekte Stoff, um Materie neu zu bewerten.

Nichts steht geschrieben, alles ist Resonanz. Die humanistische Erzählung war immer schon exklusiv auf den europäischen, weißen Mann, möglichst heterosexuell, gerichtet. Sie ist geprägt vom Dualismus des entweder-oder, definiert durch Ausschließung. Dagegen stehen Positionen wie die von Karen Barad, die den Begriff des Apparates benutzt, um die Entstehung von Situationen intra-aktiv zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren zu beschreiben. Was wäre also besser geeignet, um ein neues Narrativ zu probieren, als ein Apparat. Jane Bennett nimmt sogenannte Messies, diejenigen also, die Dinge ansammeln, sich nicht einmal von Müll trennen können und dadurch im Dreck leben, als Beispiele für Menschen, die dazu in der Lage sind, den Ruf der Dinge zu hören. Der Kapitalismus mit seiner Gier nach mehr, mit seiner Akkumulation von Gegenständen wäre dann vielleicht selbst das Produkt einer fehlgeleiteten Auseinandersetzung mit Materie, ebenso wie bei den »Hoardern«, von denen Bennett spricht. Hier setzt unser Apparat an und beginnt eine neue Erzählung. Wenn es die Aufgabe von Theater ist, bildend zu wirken, dann verstehen wir das als den Auftrag, bessere Darstellungen von Wirklichkeit zu generieren und so eine bessere Wirklichkeit erst zu ermöglichen. Wenn Kultur ein Speicher für Traditionen ist, für das, was es wert scheint, erinnert zu werden, dann ist Kultur der Ort für eine Auseinandersetzung mit dem, was wir nicht wollen, nicht loswerden, was uns verfolgt, sich vermehrt, eine ganz eigene Ökonomie hat: mit Dreck. Wenn die Produktion von Theater selbst dreckig ist und zunehmend der Logik von internationaler Vermarktung folgt, dann kann diese Auseinandersetzung mit Dreck nicht den Regeln eines in doppelter Hinsicht unterhaltenden Festivals folgen. DRECK: EIN APPARAT feiert nicht nur die Gemeinschaft der Menschen, sondern umfassender, die Gemeinschaft der Dinge, deren Teil wir sind.

Stefanie Wenner