Raum

Ganz oben rote und schwarze Milane, darunter Nebel- und Saatkrähen, dann Lach- und Silbermöwen, wie alle Kreise ziehend, ein Vortex, aus Schreien, Kämpfen, Auf- und Absteigen, alles ist in Bewegung über dem Müllberg, dem Dreck neben der A7 zwischen Fulda und Kassel. Die Vögel, die Mülltüten, Windeln, Essensreste, Plastikverpackungen, der Grüne Punkt in ihren Schnäbeln und Klauen, der Wirbel gibt den Dingen ihre Form.

Auf dem Weg nach Hause ein letzter Blick auf den See. Im Licht der untergehenden Sonne Dunst, Staub, Fasern, Insekten, Pollen, das Bild der Landschaft ist nicht stabil: Ströme, Wellen, Flirren und Turbulenzen. Die Landschaft vibriert.

Ich komme nach Hause, Erde vom See und den Feldern an meinen Schuhen, an den Hosen, an den Händen. Meine Großmutter macht mir unmissverständlich klar, dass ich mich vor der Haustür ausziehen und den Dreck draußen lassen soll. Erde stirbt und wird zu Dreck, wenn wir sie in geschlossene Räume bringen. Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg. Die Regenwürmer sterben, die Erdläufer 
sterben, die Steinkriecher sterben, die Pilzgeflechte sterben, die Mikroben sterben, der Boden stirbt, sobald er die Verbindung zu seiner natürliche Umgebung verliert. Sterben ist zum Staub hinabsteigen, Schicht für Schicht.

In der Wohnung der Großmutter: Staub tanzt in den Strahlen der Sonne durch die gute Stube. Konzentrierte Choreografien gibt es ganz nah an den Vorhängen und über dem Sofa mit seinen vielen Kissen und Decken. Die Großmutter flucht, sie saugt, wischt die Böden und staubt die Möbel ab. Jeder Tag ist für sie ein Kampf gegen Dreck und Staub. Aber im Kampf gegen Staub und Dreck wird die Großmutter zu Sisyphus.

Für einen DRECK Raum also doch wieder bei den Griechen anfangen, bei Demokrit, der im Wirbel die ursprüngliche Konstruktionsform der Dinge, der Natur im Allgemeinen sieht? Oder im Alten Testament: »Von Asche zu Asche, von Staub zu Staub…?« Das Hebräische Afar bezeichnet den Ackerboden, Erdboden, Lehm, Putz, Schutt, Asche und Staub.
Immer wieder Staub, diese pulverisierten, kleinsten und feinsten Pigmente und Partikel. Pulveris, die Urform von Dreck? Die Prima Materia? Verdampfter, verfaulter und destillierter Dreck als der Stein der Weisen? Staub, als Geschichtsträger? Wie war das noch bei Leibniz mit den verstaubten Umhängen, dem Falten werfenden Universum in marmornen Skulpturen und mit Firnis überzogenen Gemälden? Danach die Staubromantik und an deren Ende die Mikroskope und die Bakterien und Keime. Und dann Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Häuserfassaden aus Emaille, damit der Dreck vom Regen abgewaschen werden kann. Dann Glas, Beton, Stahl, Glas, Beton, Stahl, glatt, kalt, poliert. 
Merci, Mr. Duchamp! Also her mit einer Küche, dem dreckigsten Ort überhaupt, dazu Vorhänge, Teppiche, Steh- und Tischlampen, alles gebraucht. Straußenfedern, Bouquets aus Federn, Schaumstoffreste, Ventilatoren, alles was Staub und Dreck anzieht. Dazu dreckiges Licht, Quecksilberdampflampen, Natriumdampflampen, Moving Lights and the Ballett of Dust, Pigments and Glitter. Des Weiteren Digging in the dirt boxes, Indoor Worm Compost und Platz für das Dreckschwein, das Dreckvieh, den Dreckspatz, den Dreckskerl, den Drecksack, die Drecksau und das Scheißgeld. Wie das wohl aussieht?

Thorsten Eibeler